Nikolaj Iljitsch Bjeljajew ist ein frustrierter Liebhaber und ungeschickt genug, das letzte Vertrauen seiner einst angebeteten Olga Iwanowna Irnina zu verspielen. Sie muss mit ansehen, wie ihr kleiner Sohn Aljoscha von dem etwas feisten und aufgeblasenen St. Petersburger Hausbesitzer rücksichtslos mit Lüge und Wortbruch konfrontiert wird. "Eine Bagatelle" heißt die titelgebende kleine Geschichte in diesem neuesten Buch mit Erzählungen Anton Tschechows. Und wirklich geht es erfreulich leicht und unbekümmert zu in der hübschen Sammlung von Prosa aus den Jahren 1886 bis 1889, die von Alexander Eliasberg und Dorothea Trottenberg übersetzt wurde.
Fröhlich im falschen Zug
Der frisch vermählte Iwan Alexejewitsch, ein baumlanger Kerl im feinen Mantel und vom Wodka leicht irritiert, sucht seine Braut, die neben seiner ganzen Liebe auch das Geld mit sich führt. Die Liebste unterdessen sitzt im anderen Zug, weil "Der Glückspilz" in Eile vom zweiten Cognac weg den falschen Anschluss erwischte. Nun entspinnen sich feine Dialoge zwischen ihm und den Reisenden, die für den vom Frohsinn Gezeichneten zum Schluss sogar noch eine Kollekte veranstalten, damit er wieder auf den richtigen Weg kommt.
Selbstmord mit dem Wachtelnetz?
Noch besser ergeht es Fjodor Fjodorowitsch Sigajew in der Geschichte "Der Rächer". Erst will er sich einen möglichst durchschlagskräftigen Revolver zulegen, um seine Frau, ihren Geliebten und sich selbst aus dem Leben zu befördern. Dann aber überkommen ihn Zweifel, ob vor allem er selbst für die Radikallösung sich nicht zu schade ist. Hier steigert sich Tschechows frühe humoristische Meisterschaft; der arme Waffenhändler preist dem enttäuschten Ehemann Dutzende der modernsten Schießgeräte an, bis der schließlich, um irgendeinen Kauf zu tätigen, mit einem Netz für den Wachtelfang wohl wieder zur Angetrauten zurückkehrt. Umwerfend an diesem Text ist die augenzwinkernde, aber umso treffsicherere Gesellschaftskritik: Die eigene Gattin umbringen, das führt mindestens zur Verbannung auf die Insel Sachalin ...
Eine Erzählung in vierundzwanzig Stunden
Der Herausgeber Thomas Grob, Literaturprofessor an der Universität Basel, hat die elf Geschichten des kleinen Bandes liebevoll aus dem Frühwerk des später weltbekannten Dramatikers Tschechow ausgesucht. Damals war "Tschechonte", wie er sich seit seiner Kindheit nannte, noch im Arztstudium beziehungsweise frisch promoviert und musste sich mit dem schnellen Schreiben einigermaßen den Lebensunterhalt verdienen. Noch nie habe er länger als vierundzwanzig Stunden an einer Erzählung geschrieben, soll Tschechow einem Literaturagenten gesagt haben, der ihn entdeckte. Dass es sich lohnte, kann in den "Bagatellen" nachgelesen werden.
(Anton P. Tschechow: Eine Bagatelle. Erzählungen von Liebe, Glück und Geld, Verlag Hoffmann und Campe, 1. Auflage 2010, 128 Seiten, ISBN 978-3-455-40263-6, Preis 10,00 €)
