Was fällt uns zu dieser Welt noch ein?

"Das war ich nicht": Kristof Magnussons Roman reflektiert den Alltag des Gewinnstrebens, statt ihn zu durchdringen

Drei Menschen unserer Tage sind es, mit denen Kristof Magnusson (Jahrgang 1976) in seinem neuen Buch eine Geschichte von Gesellschaft und Liebesbeziehung erzählt. Jasper Lüdemann ist Angestellter einer Investmentbank in Chicago und gerade eben die Karriereleiter nach oben gefallen. Meike Urbanski, als Übersetzerin von Groschenromanen beschäftigt, hat soeben ihr bürgerliches Leben in Hamburg verlassen und ein entlegenes altes Haus im hohen deutschen Norden bezogen. Schließlich tritt Henry LaMarck auf, ein erfolgsverwöhnter Schriftsteller mit, wie sich schnell zeigt, nichts als Komplexen und Selbstzweifeln.

Die Hauptakteure wirken nicht echt

Mehr und mehr geraten die drei Helden, denen jeweils eines der Kapitel des Buches gewidmet ist, in diffizile Verbindungen zueinander. Jasper, der in seinem Job zunehmend die Kontrolle verliert und schließlich eine ganze Bank ruiniert, verliebt sich in Meike. Die will lange Zeit nichts von ihm wissen, jagt stattdessen ihrem Phantom Henry hinterher, von dem sie sich ihr übersetzerisches Lebenswerk erhofft. LaMarck wiederum denkt überhaupt nicht ans Schreiben, weil ihm zu dieser Welt nichts einfällt. Unterdessen erwarten alle den neuen großen Bestseller von ihm. Den jedoch, so glaubt der bisherige Erfolgsschriftsteller, kann er nur abliefern, wenn er ausgerechnet den gescheiterten Banker Jasper kennenlernt. Von dessen Porträt in irgendeiner Zeitung ist er jedenfalls seltsam fasziniert.

Die drei Akteure sind sehr stereotyp gezeichnet, wirken nicht wirklich echt. Die Geschichte driftet deshalb ins Unklare ab, löst sich leider im Wohlgefallen auf. Was Jasper, Meike und Henry wirklich umtreibt, ist nicht zu erfahren. Vielleicht ist es einfach nur nichts. Schlauer kann ein Leser des Buches nur insofern werden, als dass er mehr als einen Seitenblick in das dubiose Milieu der Banken und ihrer Angestellten bekommt.

Eine Liebesgeschichte - doch sehr unterkühlt

Bis auf das Interesse untereinander scheinen die handelnden Personen im Roman des Lebens recht überdrüssig zu sein. Kristof Magnusson, dem bislang mit einigen Theaterstücken größere Erfolge gelungen sind, will mit "Das war ich nicht" eine transatlantische Liebesgeschichte erzählt haben - doch diese bleibt merkwürdig distanziert und unterkühlt. Schließlich lässt er es obendrein noch an einem packenden Schluss fehlen. Das ist schade, weil er im Lauf des Romans eine schöne, Neugier erzeugende Spannung aufbaut.

Die Struktur des Textes erinnert an den zuletzt erschienenen Roman "Ruhm" von Daniel Kehlmann, in dem sich neun einzelne Geschichten zu einem großen Gesamtbild zusammenfügen, und die beteiligten Personen dank der Kunst des Autors ebenfalls raffinierte Beziehungsgeflechte zueinander bilden. Nur fehlt es Kristof Magnussons Stoff und vor allem seiner Erzählweise an Tiefe. Das Buch bleibt zu sehr im Nebensächlichen stecken, reflektiert bloß den Alltag, statt ihn aufschlussreich zu durchdringen.

Kristof Magnusson: Das war ich nicht, Verlag Kunstmann, München 2010, 285 Seiten, ISBN 978-3-88897-582-0, Preis € 19,90

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

rss
Hilfreich?

Ähnliche Themen